documenta 14 – Kunst war politisch. Ein Lamento.

4 Tage auf der documenta 14

Lange vor Beginn der documenta 14 lief die Informationsmaschinerie auf Hochtouren und weckte Hoffnungen auf ein Kunstereignis, das aktive Positionen zur Weltlage zeigt und vielleicht sogar Lösungswege aufzeigen kann – oder zumindest nicht Teil des Problems bleibt.


Kill Them! from abou naddara on Vimeo.

Was nützen dann also Ausnahmezustand, Krieg und Grenzen? Das Böse findet man nicht in irgendeinem speziellen Gebiet, wo es auf uns wartet und wir es dann „mit der Wurzel ausreißen“ können. Darin sind sich die Führer der demokratischen Welt, sowie Wladimir Putin und Baschar al-Assad, als auch die Mörder selbst einig: jene versprechen, die „Perversion“ in Paris „auszulöschen“. Das Böse wohnt nicht zuletzt in einem solchen Diskurs der Beseitigung, der unsere gemeinsame Welt angreift; er greift die „Universelle“ Erklärung der Menschenrechte an, indem er zwei unversöhnliche Welten ausruft, die zwischen IHNEN einerseits und UNS andererseits unterscheiden. Diesem Diskurs kann man nun zur besten Sendezeit – zum Entzücken der Werbekunden für elektrische Haushaltsgeräte – in allen Medien der Welt lauschen.

 

So then, what is the use of an exception state, of war and borders? Evil is not found in any particular area where it is waiting for us and we can „root it out“ with the root. The leaders of the democratic world as well as Vladimir Putin and Bashar al-Assad, as well as the murderers themselves, agree: they promise to „extinguish“ the perversion in Paris. Evil not least dwells in such a discourse of elimination which attacks our common world; He attacks the „universal“ explanation of human rights by proclaiming two irreconcilable worlds that differ between THEM on the one hand and US on the other. This discourse can now be listened to at the prime broadcasting time – to the delight of the advertisers for electrical household appliances – in all the media of the world.


Soviel zur Vorfreude.

Die documenta 14 hat jedoch ihre Chance, Teil des Wandels zu sein, vertan und zeigt sich systemkonform mit nur leiser Kritik als braver Teil des Wirtschaftssystems.

Das Konzept der documenta 14 selbst gaukelt den politischen Anspruch leider nur vor und versäumt es, den eigenen Vorbildcharakter zu nutzen, um zeitgemäße Standards zu setzen – z.B. bezüglich der Minimal-Entlohnung der documenta-Arbeitskräfte, dem längst übefälligen zeitgemäßen Catering mit veganen Angeboten statt Fleisch und Eier,… Und auch der eigene Anteil am Wirtschaftsgeschehen sollte in Bezug auf das erweiterte Merchandise-Segment hinterfragt und thematisiert werden. Eine klare Positionierung zu Fair Trade und menschenwürdigen Herstellungsbedingungen sollten überdies nicht nur die Künstler*innen einnehmen, sondern dies sollte im Ausstellungskonzept selbst verankert werden.

Stattdessen: ein bisschen Rebellion in der Kunst ist gut für das Image. Ernsthaft an Lösungen und Konzepten zu arbeiten – um den Besucher*innen frische Impulse zu spenden als Hilfsmittel gegen die allgegenwärtige entmutigte Lethargie. Das würde jedoch bedeuten, an  genau dem Ast zu sägen, auf dem auch die Macher*innen der documenta sitzen.


Ein (unvollständiger) Gang durch die documenta 14 in Kassel

Bei der Ankunft am documenta Hauptspielort rund um den Karlsplatz in Kassel fällt – neben dem Willkommens-Obelisken des nigerianischen Künstlers Olu Oguibe – ein riesiger griechischer Tempel auf:

Marta Minujin’s Tempel der verbotenen Bücher

Dieses eindrucksvolle temporäre Gebäude ist dem Partheon in Originalgröße aus Gerüsten nachgebildet. Bücher, die irgendwo auf der Welt verboten sind – u.a. Harry Potter, die Bibel uva. – bedecken bereits den Großteil der Gerüste. Bis zum Ende der Ausstellung werden die Tempelflächen vermutlich zur Gänze gefüllt sein.

Wie die Künstlerin der Kunstzeitschrift art gegenüber äußerte, hätte sie gern auch Bücher aufgenommen, die von islamistischen Regierungen verboten wurden.

„Doch die DOCUMENTA-Verantwortlichen rieten mir wegen Anschlagsgefahr davon ab.“

Marta Minujin zitiert in der art 6/2017, S. 27

Ob die Bespielung des ausgedehnten Tempelinnenraums ebenfalls der Anschlagsgefahr zum Opfer gefallen ist? Die luftige Fläche im Inneren lässt durchaus Assoziationen zur Agora zu – dem zentralen Platz in  griechischen Städten der Antike, auf dem sich die Bürger trafen, Handel trieben und diskutierten. Das Innere des Büchertempels hätte insofern eine ideale Spielstätte für Performances – oder auch Diskussionen zu zentralen gesellschaftlichen Themen – abgegeben… Es mag aber sein, dass gerade diese innere Leere dem Konzept der Künstlerin entspricht.

Hiwa K: when we are exhaling images

Beeindruckend und gleichzeitig fragwürdig erschien mir die in einschlägigen Medien hoch gelobte Röhreninstallation „When we are exhaling images“ des kurdischen Künstlers Hiwa K:

Mit der kolossalen Installation thematisiert Hiwa K. seine eigene wochenlange Flucht aus dem Irak in Abwasserrohren, die auf LKWs nach Europa transportiert wurden. Dies zu thematisieren und den Betrachter*innen zu veranschaulichen ist natürlich absolut wichtig und richtig. Dass die Interieurs der documenta-Röhren in minimalistisch-edlem Design daher kommen – einschliesslich Strom und fliesendem Wasser – erweckt jedoch den irreführenden Eindruck von Luxusunterkünften.

Fridericianum und documenta 14 Halle

Zu den zeitlosen Installationen im Fridericianum gehört das Werk von Bonita Ely, die mit Memento Mori eine Situation thematisiert, die so lange aktuell bleibt wie es Kriege gibt: es geht um die Auswirkungen posttraumatischer Erlebnisse auf den häuslichen Bereich und die Menschen, die mit den oft psychischen Leiden der Kriegsrückkehrer konfrontiert sind. Dabei ergeht sich Bonita Ely nicht in der Anklage, sondern veranschaulicht die kindliche Perspektive eindrücklich in einer raumfüllenden Installation.

Viele der anderen Werke aus der Sammlung Athen sind – ausserhalb der documenta – sicherlich spannend und ihre Themen noch immer aktuell. Mich hätten jedoch Statements der jetzt in Griechenland tätigen Künstler*innen und ihre Aussagen zur wirtschaftlichen Lage weit mehr interessiert.

Es ist prinzipiell auch eine gute Idee, das Museum Athen zu unterstützen, so dass es nun doch eröffnet werden kann. Und natürlich ist es sehr bequem, die Werke der Sammlung Athen in Kassel zu Gesicht zu bekommen. Allerdings wären Reisen nach Griechenland für die dortige Ökonomie vermutlich hilfreicher…

Beeindruckt haben mich v.a. die beiden Videoinstallationen „I, Soldier“ von Köken Ergun und das „Round up Project“ von Mary Zygouri. Ersteres dokumentiert ein nicht näher bezeichnetes türkisches Sportereignis, das von militärischer Propaganda begleitet wird. Das Roundup-Projekt beschäftigt sich mit Vertreibung, Gentrifizierung und Widerstand und stellt dabei performativ das Blutbad nach, dem die Aufständischen ausgesetzt waren.

 

Empfehlung: die neue neue Galerie (neue Hauptpost)

Zu den interessantesten Ausstellungsorten in Kassel zählt eindeutig die neue neue Galerie (neue Hauptpost):

Schon beim Betreten fängt Gordon Hookey’s monumentales Wandgemälde Murriland den Blick und gibt einiges zur australischen Geschichte zu lesen und zu denken.

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Gordon Hookey: MURRILAND
© VG-Bildkunst Bonn 2017 @ Michael Nast

Weiter hinten lenkt Maret Anne Sara die Aufmerksamkeit der Besucher*innen mit ihrem Vorhang aus Rentierschädeln  („Pile o Sapmi*) auf die massenhafte Vernichtung von Rentieren – die zu den wichtigsten Lebensgrundlagen der Samen zählen. Dieses Thema wird übrigens an verschiedenen Stellen im gleichen Gebäude immer wieder aufgegriffen.

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Maret Anna Sara: Pile o Sapmi
@ Mathias Voelzke

Empfehlung: Kulturbahnhof

Der Kulturbahnhof mit seinen starken Videoinstallationen gehört ebenfalls zu den Highlights der Kunstschau.

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iQhiya: Monday Performance
@ Fred Dott

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Michel Auder: The Course of Empire
@ Jasper Kettner

Programmatisch ist allerdings auch, dass das ‚Willkommen’-Schild (XAIPETE) am hintersten Ende des zwar zentralen, aber unscheinbaren Ausstellungsortes zu finden ist – auf einem stillgelegten Gleis des ehemaligen U-Bahnhofs, wohin sich ausserhalb der documenta vermutlich nur wenige Menschen verirren… Wie ich inzwischen erfahren habe, gehört jedoch genau das zum Konzept der Installation. Reingefallen 😉

documenta 14 – Learning from Athens?

Ob die documenta 14 ihren hoch gesetzten Zielen gerecht wird, können Sie selbst noch bis zum 17. September 2017 feststellen.


Die documenta 14 findet 2017 in Athen und Kassel statt

Öffnungszeiten:

  • Athen: 8. April bis 16. Juli 2017, täglich 10–20 Uhr
  • Kassel: 10. Juni bis 17. September 2017, täglich 10–20 Uhr

The documenta 14 in 2017 takes place in Athens und Kassel

Opening hours:

  • Athens: April 8th to July 16th 2017, daily from 10.00 am to 8.00 pm
  • Kassel: June 10th to September 17th, daily from 10.00 am to 8.00 pm

 


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